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Interview mit Dr. Raymond A. Atuguba

Interview mit Dr. Raymond A. Atuguba

Dr. Raymond A. Aduguba hat in Harvard studiert und ist nach seinem Studium in seine Heimat Ghana zurückgegangen, wo er sich als Rechtsanwalt für die Menschenrechtesstadt-Bewegung einsetzt. Gernot Lercher vom ORF Steiermark führte dieses Interview am 28. Oktober 2007 in Schloss Seggau.

Gernot Lercher:
Raymond, Sie sind so etwas wie der Frontmann der Menschenrechtsstadt-Bewegung in Afrika, jenem Kontinent, auf dem sich die Mehrzahl der nunmehr rund siebzehn Menschenrechtsstädte weltweit befindet. Sehen Sie es als gutes Zeichen, dass immer mehr Menschen in Afrika aufstehen und für ihre Grundrechte kämpfen, oder sollte es vielmehr bedenklich stimmen, dass sich die meisten Menschenrechtsstädte in Afrika befinden?

Raymond A. Atuguba:

Beides trifft zu. Es ist sowohl ein schlechtes Zeichen als auch ein gutes. Vielleicht sollte ich mit den negativen Aspekten beginnen: Die Menschenrechte sind traditionell die Sprache der Unterdrückten. Es sind die Unterdrückten, die die Sprache der Menschenrechte verstehen, denn sie sind in der Lage, ihren Inhalt nachzuvollziehen und das Potenzial zu erkennen, das in ihnen steckt und das ihnen helfen soll, sich von der Unterdrückung zu befreien. Wenn ich nun sage Unterdrückung, dann meine ich nicht bloß physischen Missbrauch und dergleichen, sondern Unterdrückung im Sinne eines Welthandelssystems, dass Armut erzeugt, und Unterdrückung im Sinne eines Globalisierungssystems, das auf Gewinnern und Verlierern basiert. Die Tatsache, dass Afrika die meisten Menschenrechtsstädte stellt, kann natürlich dahingehend negativ ausgelegt werden, dass es in Afrika mehr Unterdrückung gibt als in anderen Teilen der Welt.

Auf der anderen Seite ist es aber auch ein gutes Zeichen, denn in diesem Jahrhundert erleben wir, dass verblüffende Dinge aus Afrika hervorgehen. Wir erleben zum Beispiel Afrika als Kulturstätte und als Ort der Kunst. Ich sehe also die Menschenrechtsstädte im positiven Sinne als Teil dieses neuen Phänomens, als Teil eines Afrika, das Anspruch erhebt auf das 21. Jahrhundert – nicht nur im Bereich der Kunst, des Tanzes und der Kultur, sondern in einem wesentlichen Aspekt des Lebens, dem Bereich der Menschenrechte. Positiv auch insofern, als die Afrikaner versuchen, die Führungsrolle bei der Frage einzunehmen, wie die Menschenrechte angewandt werden können, um die zwischenmenschlichen Beziehungen und Machtverhältnisse grundlegend zu verändern, um neue Existenzstrukturen und neue Beziehungen aufzubauen, mit denen das soziale Wohl und die gesellschaftliche Entwicklung, die wir in der ganzen Welt brauchen, gefördert werden.

Gernot Lercher:
Wir sind gerade aus Korogocho zurückgelehrt, wo ein sehr junges Team voller Enthusiasmus dabei ist, allen Anfangsschwierigkeiten zum Trotz eine Menschenrechtsstadt aufzubauen. Was, meinen Sie, braucht es für eine gut funktionierende Menschenrechtsstadt?

Raymond A. Atuguba:
Es braucht lediglich den Glauben an die Menschenrechte als Lebensmodell und Enthusiasmus. Als ich zum ersten Mal nach Korogocho kam, gab es da praktisch nichts außer den Glauben, das Vertrauen, die Begeisterung und Energie. Darauf allein haben wir aufgebaut. Als wir nun begannen, die Menschenrechtsstadt zu gründen, standen uns keine Mittel im Sinne von Geld zur Verfügung. Wir hatten lediglich einen Treffpunkt und die Freiheit zu debattieren und zu planen. Und dann ging es los. Menschenrechte bedeuten Leben. Wenn man also sagt, dass es etwas Zusätzliches brauche, um eine Menschenrechtsstadt zu gründen, dann verkennt man das Leben. Wenn man aber das Leben als solches annimmt und all die Dinge, die es ausmachen – auch die vielen Mühen – dann ist man bereit, eine Menschenrechtsstadt zu gründen. Man muss nur an die Menschenrechte als Lebensmodell glauben und das Vertrauen haben, dass man die Kraft und Begeisterung aufbringt einen Anfang zu machen.

Gernot Lercher:
Wir haben auch die Erfahrung gemacht, dass die Menschenrechtsstädte gleichsam als Basisdemokratien funktionieren. Anders als bei uns sollen alle mitbestimmen können, was zu tun sei. Sind Sie der Meinung, dass das so in Ordnung ist, oder glauben Sie, dass die eine oder andere Sache schneller zu verwirklichen wäre, wenn nur ein oder zwei Personen das Sagen hätten?

Raymond A. Atuguba
Was ich an den Menschenrechtsstädten besonders interessant finde, ist, dass zu Beginn der Konsens im Vordergrund steht. Denn normalerweise ist es doch so, dass es zu Beginn kaum Übereinstimmung gibt und sich diese erst mit der gemeinsamen Entwicklung und dem Erarbeiten von Protokollen und Vorgangsweisen einstellt. Zwar stehen einander auch am Anfang einer Menschenrechtsstadt fremde Menschen mit unterschiedlichstem Hintergrund und den verschiedensten Perspektiven gegenüber, doch lässt sich sehr schnell ein Konsens finden. Und das hat zwei Gründe: Zum einen sind da die Kraft und die moralische Macht der Sprache der Menschenrechte. Überhaupt ist die Sprache der Menschenrechte vielleicht die mächtigste Sprache, die wir haben. Und sie ist wohl die moralischste Sprache, die wir haben. Diese moralische Kraft der Menschenrechte verbindet die Menschen.

Zum anderen sind die Menschenrechte, wie wir sie in den Menschenrechtsstädten anwenden, insofern handlungsorientiert, als sie das Mittel sind, mit dem die Probleme des Gesundheitssystems, der Ausbildung, der Verpflegung, der Sicherheit und so weiter gelöst werden sollen. Gerade weil diese Probleme in den Städten so tief greifend sind, sind sich die Menschen schnell darin einig, dass etwa ein Gesundheitsproblem gelöst gehört. Wir haben unsere Differenzen als Journalisten, als Anwälte, als Mechaniker, als Bauern, aber wir sind uns alle darin einig, dass wir medizinische Versorgung brauchen, wenn wir erkranken. In diesem Punkt gibt es keine Unstimmigkeiten. Alle werden zustimmen, dass Kinder die Schule besuchen müssen und es ein Menschenrecht auf Ausbildung gibt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das jemand anders sieht. Die Aufgabe einen Konsens zu finden, ist also zu Beginn nicht schwer. Erst in der Verwirklichung einer Menschenrechtsstadt wird es schwierig, diese Übereinstimmung beizubehalten. Denn nun geht es plötzlich darum, Prioritäten zu setzen: So will man innerhalb des Gesundheitssystems Prioritäten setzen – zum Beispiel im Bereich der Fortpflanzungsmedizin, wo es gilt, HIV-Patienten zu versorgen –, im Bildungsbereich geht es um Fragen der Grundschulbildung oder der Erwachsenenbildung und so weiter. Zu Beginn jedoch herrscht breiter Konsens.

Gernot Lercher:
Sie haben, wie bereits erwähnt, vielen afrikanischen Menschenrechtsstädten auf die Beine verholfen. Wie hat sich Ihrer Einschätzung nach das tägliche Leben in diesen Städten verändert?

Raymond A. Atuguba:
Als erstes entsteht ein Bewusstsein für Selbstbestimmung, denn die Sprache der Menschenrechte macht mündig. Die Menschen betteln nicht mehr um Dinge und betrachten diese nicht mehr als Almosen, sondern als ihr Recht. Die erste Veränderung vollzieht sich also in den Menschen: Sie werden selbstbewusster, menschlicher, trauen sich den Mund aufzumachen und bestehen darauf, dass sich etwas ändert; sie lassen sich nicht mehr unterdrücken. Die erste Veränderung sieht man demnach auf individueller Ebene in Form von Eigenermächtigung. Anschließend beginnen die Menschen, ihre Kräfte zu bündeln, sodass sie auch als Individuen mächtiger werden – mächtiger durch Menschenrechte. Und dann schließen sie sich zusammen. Sie organisieren Treffen, bei denen sie ihre Ideen, Gedanken, Strategien und ihre Ressourcen zusammenlegen. Schließlich handeln sie: Sie gehen zum Bürgermeister, sprechen mit den Ärzten, treffen die Lehrer und beginnen, ihr Leben entsprechend den Standards der Menschenrechte zu verändern. Das sind die deutlichsten Veränderungen bei der Gründung einer Menschenrechtsstadt.

Gernot Lercher:
Würden Sie sagen, dass die Idee der Menschenrechtsstadt auch Teil einer „afrikanischen Agenda“ ist?

Raymond A. Atuguba:
Das ist natürlich mit ein Grund dafür, dass sich so viele Menschenrechtsstädte in Afrika befinden. Es passt zur üblichen Vorgangsweise in Afrika: Im afrikanischen Kontext ist es schwer auf eigene Faust zu handeln; alles geschieht in der Gemeinschaft. Wenn man sich mit einem Anliegen an den Chief wendet, konsultiert dieser zunächst den Ältestenrat, denn er muss die Entscheidung sprichwörtlich gemeinschaftlich fällen. Im Bereich der Familie haben wir in Afrika keine Cousins und Großcousins; wir bezeichnen sie alle als Brüder und Schwestern, denn sie zählen zur Gemeinschaft. Die Anordnung der Häuser sieht so aus, dass verschiedene verwandte Familien ein großes Haus formen. Das gemeinschaftliche Denken, Handeln und Sein – das stets auch Teil einer Menschenrechtsstadt ist – ist also durch und durch afrikanisch.

Gernot Lercher:
Sie sind hier, in der Nähe von Graz, mit all den anderen Repräsentanten von Menschenrechtsstädten aus der ganzen Welt zusammengekommen. Was, glauben Sie, können Sie voneinander lernen? Ihre Probleme scheinen unterschiedlicher Natur zu sein, aber sind sie es wirklich?

Raymond A. Atuguba:
Wenn ich mit anderen Menschen aus anderen Städten zusammenkomme, dann ist das Schönste für mich, die Zuversicht und den Glauben zu spüren. Wenn man an Problemen herumnagt, dann gibt nichts mehr Vertrauen als zu sehen, dass auch andere ihre Schwierigkeiten haben und sich irgendwie durchkämpfen. Das heißt, selbst wenn wir nichts voneinander lernen können, so unterstützen und ermutigen wir doch einander und stärken den Glauben, den es braucht, um weiterzumachen. Denn wir dürfen nicht scheitern! Die Agenda der Menschenrechtsstädte darf auf keinen Fall scheitern, denn sie ist die Agenda des Jahrhunderts! Wenn es den Gemeinschaften nicht gelingt sich zusammenzuschließen, um gemeinsam stark zu sein, mit Hilfe der Menschenrechte für die notwendige Gesundheitsversorgung, Bildung, Verpflegung und so weiter Taten zu setzen, dann ist die Welt am Ende. Der Zuspruch, den wir einander geben, ist also entscheidend. Und dann erst kommt das Lernen: Zwar sind die individuellen Szenarien recht unterschiedlich, aber die Probleme und Herausforderungen sind sehr ähnlich, denn wir wenden die gleichen Methoden an, wenngleich in unterschiedlichen Kontexten. Die Erfahrungen der einen Seite prägen also die andere; man kann von den anderen lernen und die neuen Aspekte in seinem eigenen Umfeld anwenden. Ich habe zum Beispiel gerade in den letzten zwei Tagen sehr viel gelernt, neue Perspektiven erschlossen und Strategien entwickelt. So war es interessant bei Susana zu sehen, wie bei ihnen mit Lehrern gearbeitet wird: Lehrer erreichen ja nicht nur Kinder, wovon ich ausgegangen wäre, sondern auch Eltern, denn die Eltern helfen den Kindern, wie sie gemeint hat, die Hausaufgaben zu machen. Wenn man ihnen also eine Aufgabe im Zusammenhang mit den Menschenrechten stellt, dann erreicht man nicht nur die Kinder, sondern auch die Eltern! Auf diese Idee wäre ich gar nicht gekommen. Und das wollen wir umsetzen.

Gernot Lercher:
Vielen Dank!

Übersetzung: Mag. Miha Tavcar, scriptophil - die textagentur

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