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Interview mit Botschafter Dr. Walther Lichem

Interview mit Botschafter a.D. Dr. Walther Lichem

Botschafter a. D. Dr. Walther Lichem war während seiner Berufstätigkeit immer wieder für internationale Angelegenheiten und Menschenrechte verantwortlich. Er ist Vorstandsmitglied der Peoples Momevement for Human Rights Education und einer der Verfechter der Menschenrechtsstadt-Idee. Gernot Lercher vom ORF Steiermark interviewte ihn am 27. Oktober 2007 in Schloss Seggau bei Leibnitz, wo sich MenschenrechtsaktivistInnen aus der ganzen Welt zu einem Workshop trafen.

Gernot Lercher:
Treffen wie dieses in Seggauberg bieten immer wieder die Möglichkeit, Bilanz zu ziehen über eine Idee wie die Idee der Menschenrechtsstädte, die in verschiedenen Ländern auf unserer Erde implementiert wurden. Am heutigen Tag im Jahr 2007 würden Sie sagen, dass Sie über dieses Projekt Menschenrechtsstädte eine positive Bilanz ziehen können?

Walther Lichem:
Wir befinden uns am Weg. Die ersten Schritte haben noch keine große Distanz zurückgelegt. Aber was doch immer klar war, ist die Vorstellung, wo wir hin müssen. WO wir hin müssen, um eben mit dem zu recht zu kommen, was wir als Herausforderung des 21. Jahrhunderts sehen müssen. Ein friedliches, harmonisches, vermutlich auch freudvolles Zusammenleben unter dem, was wir heute in der neuen Sprache als Anderheit verstehen. Die nicht nur als Mensch gewordene Anderheit, sondern die überhaupt Anderheit, von Coca Cola bis zu Kebap.

Gernot Lercher:
Würden Sie sagen – sie haben ja gesagt, es ist ein erster Schritt, es sind erste kleine Schritte getan – man steht am Anfang einer Agenda „Menschenrechte“ im 21. Jahrhundert?

Walther Lichem:
Es ist eine neue Agenda. Schauen Sie, ich habe vor über zwanzig Jahren Ost-West-Verträge verhandelt. Die leichtesten Verhandlungen waren darüber, was sein soll. Bei der Schlussakte von Helsinki, wo wir zum ersten Mal niedergeschrieben haben, was wesentlich ist für den internationalen, das heißt zwischenstaatlichen Frieden. Aber die zweite Ebene, die haben wir dann schon fast nicht geschafft.  Wo wir dann sagen, aber schaut`s her, ihr erfüllt ja das gar nicht, was ihr unterschrieben habt. Das, was wir die adjukative Ebene oder Agenda nennen. Menschenrechte .... da war das ähnlich. Zuerst die Normen setzen und dann sagen, das erfüllt ihr nicht. Aber die dritte Ebene – und da müssen wir hin – ist die Befähigung ganzer Gesellschaften und jedes einzelnen Menschen, im Verständnis der eigenen menschlichen Würde und über das Verständnis der menschlichen Würde des anderen. Und das definiert dann das ganze Verhältnis einer Gesellschaft. Denn wenn wir schauen, wo Gewalt heute stattfindet, dann findet sie statt in zwischenmenschlichen Beziehungen, in denen gedemütigt wird, d.h. in Beziehungen, in denen die menschliche Würde verleugnet wird. Und wir müssen eines im Auge behalten. Ob wir jetzt Mauern bauen wollen oder Stacheldraht ziehen wollen um unsere Wohlstandsgesellschaft. Wenn in einer Beziehung der wechselseitigen Abhängigkeit leben und immer mehr leben werden. Und eine wechselseitige Abhängigkeit bedarf einer neuen menschlichen Beziehungsfähigkeit, dann geht`s. Menschenrechtsstädte, die ersten Schritte. Dann ist es eigentlich der ideale Schritt. Auf Stadtebene. Wenn man einerseits die Persönlichkeit des Nachbarschaftslebens hat. „Ich kenn den Stadtrat, ich kenn das Mitglied im Gemeinderat. Ich kenn vielleicht sogar den Bürgermeister, ich hab ihn gekannt, als er noch in der Schule war.“ Und es sind doch staatliche Strukturen hier. Das gibt’s auf der nationalen Ebene dann nicht mehr. Weil die Politik ist in der Stadt persönlich. Und deshalb können wir in dem Miteinander von Bürger und staatlicher Struktur auf der Ebene der Stadt am besten beginnen. Aber das, was wir jetzt die Entwicklung dieser gesellschaftlichen Befähigung nennen, muss alle Menschen einschließen. Alle Menschen auf der ganzen Welt und das muss zum markanten kulturellen Element der Welt werden.

Gernot Lercher:

Hier will ich jetzt buchstäblich einhaken. Denn Sie als Österreicher waren, wenn man soll will, Ideengeber für die Menschenrechtsstadt Graz. Das hat sich damals auch sehr angeboten. Graz war zur Kulturhauptstadt 2003 erklärt worden, knapp davor kam es dann dazu, dass Graz sich selbst zur Menschenrechtsstadt erklärte, ein einstimmiger Beschluss im Gemeinderat. Das war damals nur möglich, weil es im Gemeinderat und in der Stadt eine starke Basis an Gruppen, an Organisationen an Initiativen in der steirischen Landeshauptstadt gegeben hat. Jetzt sind 6 Jahre verstrichen. Sie werden ihr Kind – wenn man so sagen möchte – sicher ein bisschen aus der Distanz beobachtet haben. Wie hat sich die Menschenrechtsstadt Ihrer Meinung nach entwickelt in der Zwischenzeit?

Walther Lichem:
Es geht langsam. Aber als ich in Graz das letzte Mal in ein Taxi gestiegen bin und den Taxichauffeur provoziert habe und ihn gefragt habe, wissen Sie eigentlich, dass Graz Menschenrechtsstadt ist? Sagt er „ja freilich“. Frag ich, können Sie mir das erklären, was das bedeutet? Er konnte es mir erklären. Das ist ein Fortschritt. Aber schauen Sie, für Graz hat sich ja aus meiner bescheidenen Perspektive – die Frage gestellt, welches ist unsere Identität als Stadt. Stadt der Volkserhebung oder haben wir diese Zeit, diese Identität doch beseitigen und ersetzen können durch eine neue Identität, die uns in die Zukunft führt? Und ich sag das absichtlich so. Menschenrechtsstadt zu sein, das ist ein Programm für die Zukunft. Das ist nichts, was ich erreiche. Aber abgesehen davon, die Grazer Erklärung zur Erreichung der Menschenrechtsstadt gilt heute als Modell.

Gernot Lercher:
Ein Modell, von dem sich aber doch – in der europäischen Union zumindest – viele scheuen, es zu übernehmen? Kann es sein, dass gerade in einer Wohlstandsgesellschaft, wie es die europäische zumindest zu sein scheint, ein bisschen der Mut fehlt, dieses „Scheinwerferlicht der Menschenrechte“ auf sich selber zu drehen um immer wieder dann, wenn etwas nicht so gut läuft, damit konfrontiert zu sein „Moment mal, so könnt ihr das nicht machen, ihr seid ja Menschenrechtsstadt“. Dass man sich schon im Vorhinein denkt, da lass ich besser die Finger davon, wer weiß, wie das ausgeht?

Walther Lichem:
Für mich ist das die wesentliche Errungenschaft einer menschlichen Gemeinschaft, dass alle in dieser Gemeinschaft um ihre menschliche Würde wissen und sie verstehen und damit eben wiederum impliziert die des anderen verstehen. Die des anderen, das ist entweder der, dem das Auto gehört, das angezündet wird in Paris, oder in Marseille, oder der, der es anzündet. Und wir dürfen nicht in der ganzen europäischen Diskussion die Frage der Offenheit vergessen. Das ist ja nicht nur eine Frage der Offenheit von Staatsgrenzen, das ist eine Frage der Offenheit von Gesellschaften. Und noch einmal, es geht nicht darum, perfekt zu sein. Die Menschenrechtsstädte werden auch in Zukunft imperfekt sein. Aber diese Agenda-Dimension unserer Zukunft, zu wissen, wie ich mich mit dem anderen in Beziehung setze, wie ich den anderen hereinnehme, selbst in meine Identität. Denn wir haben ja mehr als eine Dimension der Identität. Das ist ja auch ein Mythos des ausgehenden 18., 19. Jahrhunderts, dass der Mensch reduziert werden kann auf nur eine Identität. Und dann misst man vielleicht noch einen Schädel und die Nase. Wir sind – und da kann ich nur ein Kärntner Sprichwort, ein Slowenisches zitieren: „so viele Sprachen Du sprichst – so oft bist Du Mensch“ – und das haben die kärntnerisch-slowenischen Bauern kapiert. Wobei Sprache nicht nur linguistisch zu verstehen ist, sondern als Beziehungsfähigkeit.

2. Teil des Interviews folgt!