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Interview mit Susana Chiarotti, Rosario

Interview mit Susana Chiarotti

Die argentinische Frauenrechtlerin Susana Chiarotti startete gemeinsam mit Shulamith Koenig in Rosario die erste Menschenrechtsstadt. Im Gespräch mit Gernot Lercher erläutert sie, wie es zu dieser Initiative gekommen ist.

Gernot Lercher: Susana, Rosario war die erste Menschenrechtsstadt der Welt. Rosario hat die Verantwortung übernommen, sich auf die Menschenrechte zu konzentrieren als deklarierte Stadt der Menschenrechte. Nun ist es einfach, auf einen fahrenden Zug aufzuspringen, aber Sie waren die Ersten: Warum haben Sie zu dieser Zeit gedacht, dass es so wichtig ist, sich zu einer Menschenrechtsstadt zu erklären?

Susana Chiarotti: Wir hatten gerade eine Diktatur überstanden und wir wollten eine Demokratie erschaffen. Aber die Demokratie lässt sich nicht von einem Tag zum anderen aufbauen. Die Diktatur hatte uns autoritäre Institutionen hinterlassen, wir hatten autoritäre Familien, Schulen oder Spitäler. Auch andere Institutionen waren autoritär – man kann keine Demokratie mit einem autoritären Volk erschaffen. Man musste von Seiten der Stadt anfangen. Immerhin lebten wir in einem Land, in dem 87% der Bevölkerung in urbanen Lebensräumen leben und nur 13% in ländlichen Gebieten. Der Umgang mit den Menschenrechten, die kurze Zeit davor ratifiziert wurden und damals nur tote Worte waren, geschriebene Verträge, die die Menschen nicht kannten und deshalb auch nicht einforderten oder anwendeten, die nicht angesehen wurden, das war uns eine enorme Herausforderung für uns. Man musste sie an die städtischen Bedingungen anpassen und in Bezug auf die Stadt anfangen, diese Regeln einzuführen. In Bezug auf die Bürger und Bürgerinnen der Stadt begann man die Gleichheit, die Nichtdiskriminierung zu üben und Räume zu schaffen, wo man die Autoritäten beeinflussen konnte und seine Stimme hörbar machen konnte.

Gernot Lercher: Was sind die brennendsten Fragen bezüglich Menschenrechten, die heute in Rosario wichtig sind und wofür kämpfen Sie im Besonderen?

Susana Chiarotti: In der ersten Phase nach der Diktatur, wo es unsere dringendste Aufgabe war, den Beschwerden wegen Schändung der zivilen und politischen Rechte während der Diktatur nachzugehen, nahmen wir verschiedene Fragen in Angriff.

Als Erstes: Der Justiz, beziehungsweise dem Recht, sprich dem, was in der Diktatur passiert ist, auf den Grund zu gehen, damit sich das niemals wiederholt. Aber sich auch um die Fälle von Ungerechtigkeiten hier in der Stadt zu kümmern, die mit der ungleichen und ungerechten Verteilung des Reichtums zu tun haben. Oder die sich mit dem Zugang zu allen wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Ansprüchen, mit der Aufnahme der indigenen Bevölkerung, die aus dem Landesinneren kommt, zu beschäftigen, um sie zu behandeln, als wären sie aus dieser Stadt und zu lernen, sie nicht zu diskriminieren, denn sie sind Teil von jedem von uns. Andere Ziele waren, eine Gleichheit zwischen Männern und Frauen zu erreichen, zu bewegen, dass alles, was mit der Kindern auf der Strasse zu tun hat, verschwindet und die Misshandlung in anderen Lebensräumen wie in den Gefängnissen sowie die Korruption der Polizei zu eliminieren. Im Moment haben wir schwere wirtschaftliche Probleme wie Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung. Wie erwähnt beschäftigt uns auch das Thema der Integration der indigenen Gemeinschaften und das Thema der Chancengleichheit von Männern und Frauen.

Gernot Lercher: Wenn Sie einen ruhigen Moment haben und nachdenken: Sind Sie zufrieden mit dem, was Sie mit Ihrem Team der Menschenrechtsstadt erreicht haben oder sind da Momente, wo Sie denken, es gibt immer noch so viel zu tun?

Susana Chiarotti: Ich glaube dass wir auf einem guten Weg sind. In Wahrheit sehe ich die Menschenrechtsstadt nicht als etwas Abgeschlossenes, sondern als einen Weg, der begonnen hat. Jedes Mal gibt es mehr Menschen, die ein Team bilden und das alles voranbringen. Jedes Mal erreichen wir mehr Menschen und mehr Orte, also öffnen sich jedes Mal auch mehr Möglichkeiten. Es gibt sehr viel zu tun, aber wir haben ein enormes Potential an Menschen, gute Energie und ein wunderbares Team, das dies alles vorantreibt. Nun ist es nicht mehr nur ein Traum von einer oder zwei Personen, nicht der Traum den ich mit Shula Koenig 1997 hatte – nun ist es eine Gruppe, die daran arbeitet. Wir haben viele junge Menschen, die uns garantieren, dass wir in einigen Jahren diesen Traum verwirklichen. Diese Idee lässt sich nicht von einem Tag auf den anderen realisieren. Es ist ein Prozess, der langsam vorangeht und den man verstehen muss, damit man sich auf den Weg in Richtung dieses Zieles begibt. Ich bin zufrieden, weil wir losgegangen sind, aber nicht, weil wir schon alles erreicht haben, was wir erreichen wollten.

Gernot Lercher: Als wir in den letzten Tagen hier filmten, egal ob es kleine Kinder in der Schule waren oder das andere Mal auf der Polizeistation, jeder schien auf positive Weise von dem Virus einer Menschenrechtsstadt infiziert zu sein, jeder spricht davon, als wäre es normal, dass Rosario eine Menschenrechtsstadt ist. Denken Sie, dass dies schon eine Art von Erfolg ist, dass die Menschen in Rosario darüber Bescheid wissen, eine Menschenrechtsstadt zu sein?

Susana Chiarotti: Ja, aber es ist ein Teilerfolg. Weil wir müssen dahin kommen, dass das bei noch mehr Menschen ankommt, bei noch viel mehr Frauen und Männern, Mädchen und Buben. Und dass es außerdem alle Behörden wissen und wachsam sind, dass Sie eine Stadtbevölkerung haben, die ihre Rechte kennt und beobachtet, damit diese auch eingehalten werden.

Gernot Lercher: Es klingt vielleicht komisch, aber sollten wir nicht zum Punkt kommen, wo eine Stadt sagt: Wir haben wunderschöne Strände, gute Restaurants, aber könnten wir nicht auch Werbung mit dem Titel Menschenrechtsstadt machen, um Menschen hierher zu bringen, um ihnen zu sagen: Wir leben in einer großartigen Stadt, weil wir eine Menschenrechtsstadt sind – was denken Sie darüber?

Susana Chiarotti: Das wäre nett. Es wäre aber unser Ziel, dass diese Menschen, wenn sie kommen würden, kein einziges Haus mit armen Menschen finden würden, die keine Schule besuchen können, die kein fließendes Wasser oder kein anständiges WC besitzen, oder die an diesem Tag nichts zum Essen auf dem Tisch haben. Also es wird sehr schön sein, wenn die Menschen eines Tages kommen, um die Menschenrechtsstadt kennen zu lernen. Aber mir würde es gefallen, wenn das erst dann der Fall ist, wenn wir Ziele wie Gleichheit und Gerechtigkeit in vollem Ausmaß erreicht haben. Und das bedeutet, dass wir immer noch viel Arbeit vor uns haben.

Gernot Lercher: Ist es nicht auch ein Problem, dass Sie alle im Team der Menschrechtsstadt einen Beruf haben - Sie sind ja z.B. Anwältin - und dass anscheinend alle dies ehrenamtlich machen. Wenn das Budget für die Menschenrechtsstadt höher wäre, wäre die Arbeit für Sie leichter? Wer sollte dafür bezahlen, muss das immer eine Freiwilligenarbeit sein?

Susana Chiarotti: Es ist ein Problem, ehrenamtliche Arbeit zu machen, denn dies hat für und wider. Die Vorteile sind, dass wir sehr unabhängig sind und wenn wir kein Geld haben, geht die Idee weiter und wir arbeiten weiter. Die Nachteile sind die begrenzte Wirkung, die wir erreichen, weil wir nicht viel Geld haben, um Publikationen, Präsentationen im Fernsehen oder im Kino zu machen oder auch in der Kultur zu wirken – da, wo gerade die Veränderungen geschehen. Menschen, die angestellt sind, die bezahlt werden, um dies zu verteidigen, können das Ganze und die Multiplizierung von allem, was wir in der Stadt machen, bis zuletzt verfolgen. Ich glaube, dass es wichtig wäre, Geld dafür zu haben - vielleicht nicht um uns, die wir die Begründer der Idee sind, zu bezahlen, aber um ein Team bezahlen zu können, das uns hilft, all das zu multiplizieren.

Wer sollte das aber bezahlen? Alle, die Geld zur Verfügung haben wie etwa die Spendenorganisationen oder auch die eigene Regierung, müsste uns Geld geben, denn die Regierung ist verpflichtet. Denn in jedem vom Staat unterzeichneten Abkommen über die Menschenrechte steht im Kleingedruckten, dass die Regierung verpflichtet ist, die Menschenrechte zu verbreiten. Das macht aber niemand. Deshalb wäre die Regierung verpflichtet, Geld bereitzustellen, damit wir die Menschenrechte verbreiten können. Das ist ein Projekt der Menschenrechtsbildung für alle Menschen, die guten Willens sind und Gerechtigkeit und Frieden wollen.

Gernot Lercher: Wo sehen Sie die Menschenrechtsstadt Rosario in zehn Jahren, welche Erwartungen haben Sie?

Susana Chiarotti: Ich stelle mir vor, dass das Arbeitsvolumen viel stärker geworden ist und multipliziert wird - und das auch in verschiedenen Bereichen. Außerdem stelle ich mir eine Vertiefung der Arbeit mit der Polizei vor, damit es keine Toten mehr auf Grund von leichten Vergehen gibt, keine Folterungen, keine Misshandlungen sowie Missbräuche mehr gibt. Wichtig wäre eine vertiefte Arbeit mit Dozenten, damit sie die Menschenrechte multiplizieren. Auf allen Ebenen, vom Kindergarten bis zur Universität sollen alle die Menschenrechte kennen. Ich stelle mir vor, wie sich alles vervielfältigt, ich stelle mir vor, wie diese Idee immer stärker wächst.

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